Stirbt die Individualität in der Blogosphäre aus?

Stirbt die Individualität in der Blogosphäre aus?

Ja, der Titel ist bewusst provokant gewählt und ich bin gespannt auf deine Meinung dazu. 😉

Ich habe zunehmend das Gefühl, dass sich viele Blogs immer mehr angleichen. Dass es ungeschriebene Gesetze zu geben scheint, über was man in welcher Form bloggt, dass sich der Stil von zig Blogs ähnelt. Wenn ich mich durch meinen Feedreader klicke, kann ich oft nicht spontan sagen, zu welchem Blog welcher Eintrag gehört. Die Inhalte sind austauschbar.

Adieu Individualität. – Und das ausgerechnet in der Blogosphäre? Wer einen Blog führt, der ist doch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ein kreativer Mensch. Sonst würde man nicht Stunden damit verbringen, Texte zu schreiben und zu redigieren, Fotos aufzunehmen und zu bearbeiten, an einem Layout zu feilen und und und. Alles im Namen der Kreativität und der Individualität.

Wenn du zu uns Nonkonformisten gehören willst, musst du dich anziehen und die gleiche Musik hören wie wir.

Happishappi allüberall

Nehmen wir als Beispiel die Foodblogger. Vor ein paar Jahren habe ich kaum einen privaten Blog gesehen, der Rezepte veröffentlichte. Mittlerweile ist das gang und gäbe und ich selber bin da auch keine Ausnahme.

Warum habe ich früher keine Rezepte gebloggt, jetzt aber schon? – Hauptsächlich liegt das schlicht und ergreifend daran, dass ich bis vor ein paar Jahren weder gebacken, noch nennenswert gekocht hätte. Weder bei meinen Eltern, noch in meiner ersten eigenen Wohnung (deren Küche ganze 2qm groß war und eigentlich nur aus einem Spülbecken, einem 2-Platten-Herd ohne Backofen sowie einem winzigen Kühlschrank bestand), noch in der WG. Damit habe ich erst begonnen, nachdem der Beste und ich zusammengezogen sind, und ungefähr seit diesem Zeitpunkt blogge ich auch darüber. Dass ich darüber dann auch blogge, ist eigentlich nur die logische Konsequenz.

Wenn ich mir so die Jahrgänge der Blogger angucke, deren Blogs ich verfolge, dürfte das vielen ebenso ergangen sein. Andererseits sehe ich aber auch immer wieder Rezepte auf Blogs von 14- oder 15jährigen Mädchen. In dem Alter hatte ich sicher vieles im Kopf, aber nichts, was auch nur im Entferntesten nach Hausfrauendasein aussah. 😀

Woran liegt das also? Sind es vielleicht die großen, bekannten Blogs wie etwa … what Ina loves oder magnoliaelectric, denen dort nachgeeifert wird?

Natürlich sind die Rezepte immer auch illustriert. Und sooo oft folgen die Fotos dem gleichen Stil: qualitativ recht hochwertig, aufgenommen vor einem weißen Hintergrund, gerne auf einem rustikalen Holzuntergrund, und dann prangt in einer handschriftlich anmutenden Schriftart der Name des Rezepts darauf. Du weißt, was ich meine.
Keine Frage, das sieht schick aus. Mir gefällt das auch. Aber… muss man selbst wirklich auch diesem Trend folgen?

… und jetzt alle gleichzeitig!

Wie euch vielleicht aufgefallen ist, habe ich mich im Dezember relativ bedeckt gehalten. Wenige Posts hier in meinem eigenen Blog und noch weniger Kommentare von mir auf anderen Blogs. Woran das lag? Ich hatte schlicht und ergreifend die Nase voll von diesen ganzen Weihnachtspostings. Kaum ein Blog, der keine Weihnachtsdeko zeigte, wo weder Kekse noch Stollen auf hübschen kleinen Tellerchen herumlagen, wo nicht nach dem 24. die Geschenke für einen Beitrag herhalten mussten… uargh. Es war mir echt zu viel. Das gleiche Spiel funktioniert übrigens auch mit dem Valentinstag, Ostern oder Halloween.

Klar, man bloggt letztlich über sein Leben und im Dezember haben die meisten von uns einfach irgendwas mit Weihnachten zu tun. Jetzt bewusst nichts darüber zu schreiben, nur weil alle anderen das schon tun, ist dann vielleicht auch nicht das Gelbe vom Ei. Aber… hmmm.

So ähnlich verhält es sich natürlich auch mit Bloggerevents – wobei ich es da spannend finde, aus ganz vielen Perspektiven etwas zu lesen und zu sehen, auch wenn ich selber nicht dabei war (jetzt am Wochenende findet etwa das BLOGST Barcamp in Köln statt… die Tickets waren leider rasend schnell ausverkauft. Ich bin gespannt auf Berichte!).

Und letztlich schlagen auch immer wieder bestimmte Produktrezensionen in Wellen auf – wenn eine Firma eine Bloggeraktion startet, ist es natürlich logisch, dass das gleiche Produkt dann auf einmal auf zig Blogs vorgestellt wird.
Oder diese unsäglichen Boxen, die es mittlerweile zu allem möglichen Kram zu geben scheint, von Kosmetik über Essen bis hin zu DIY-Materialien, und wo dann jeder gleich herzeigen muss, was sich diesmal darin befindet. Das lese ich dann höchstens einmal, aber oft sind die Beiträge ohnehin austauschbar. Direkt nach dem Auspacken kann man einfach noch keinen fundierten Test schreiben oder davon berichten, wie man die Produkte verwendet hat – also haben alle Beiträge die mehr oder weniger gleichen Fotos mitsamt der gleichen Auflistung der Inhalte, am besten immer noch mit der Angabe der UVP dabei… uargh. Ich klick mich dann mal weg.

Mehr Magazin als Blog?

Insgesamt ist in den letzten Jahren die Qualität der Beiträge enorm gestiegen. Klar, der Konkurrenzdruck wächst mit jedem neuen Blog.

Dabei habe ich den Eindruck, dass auch die eigentlich privaten Blogs mehr und mehr professionalisiert werden… und eigentlich schon eher ein Magazin sind. Mit regelmäßig wiederkehrenden Features, festen Terminen für bestimmte Artikel, qualitativ hochwertigen Fotografien, Gewinnspielen und und und. Und auch die Werbeanzeigen dürfen natürlich nicht fehlen. Weg von den persönlichen “Heute habe ich  x, y und z gemacht”-Beiträgen hin zu Artikeln, die eine möglichst große Leserschar interessieren.

Ich selber will mich mit meinem Blog da jetzt auch nicht ausnehmen. Ich blogge auch nicht über allzu private Dinge, weil die eine Kategorie langweilig ist (yay, gestern habe ich erst die Waschmaschine angestellt, und dann war ich mit dem Hund draußen, und dann habe ich telefoniert, und dabei habe ich einen Kaffee getrunken, und dann… etc. pp.) und die zweite nicht ins Internet gehört.

Also landet man zwangsläufig bei allgemeineren Themen. Natürlich habe ich auch ein Auge darauf, welche Art von Postings viel gelesen und kommentiert werden und welche nicht. Ein Blog ohne Leser ist ja nun irgendwie sinnbefreit, und selbstverständlich wollen wir alle in irgendeiner Form Bestätigung bekommen. Sei es durch Klicks, durch Kommentare oder durch Verlinkungen auf anderen Blogs.

Und ja, es macht einfach Spaß, sonst würden wir das nicht tun.

Produzieren in Personalunion

Wir sind stolz auf das, was wir leisten. Und dass wir das in der Regel alles alleine machen.

Denn während hinter einem Magazin eine ganze Redaktion steht, stemmt man das als Blogger die ganze Arbeit alleine. Ist in Personalunion Redakteur, Fotograf, Foodstylist, Webdesigner und PRler. Man kümmert sich nicht nur um die Artikel selber, sondern auch um deren Vermarktung, die Korrespondenz mit Kooperationspartnern, das Ausstellen von Rechnungen, etc. pp.

Dass man krank war und deswegen zwei Wochen lang nicht bloggen konnte, lässt man selber als Ausrede nicht gelten. Denn die Leserzahlen werden durch die Flaute unweigerlich in den Keller gehen – also sorgt man vor. Erstellt einen Redaktionsplan, tippt Beiträge einige Tage im Voraus, hat immer ein paar auf Vorrat.

Hochglanzschokolade

Ja, wir sind stolz auf unseren Blog. Darauf, dass jeden Tag ein Beitrag online geht. Auf die ganzen wunderschönen Fotostrecken, die wir zeigen können. Und doch hat das alles eine Schattenseite: den wachsenden Druck, unter den uns dieser Perfektionismus setzt. Halt – unter den wir uns selber setzen.

Wir zeigen immer nur unsere Schokoladenseite, natürlich. Fotografieren nur die aufgeräumten Teile der Wohnung und nicht die Kruschkramecken. Soßenkleckse wischen wir vor dem Fotografieren vom Tellerrand, zeigen nur die am hübschesten aufgegangenen Muffins. Wenn wir krank sind, präsentieren wir auf Instagram nicht den Papierkorb mit den vollgerotzten Taschentüchern, sondern eine Tasse Tee mit anmutig drapiertem Teebeutelschildchen (den wir uns vielleicht gar nicht gekocht hätten, wenn wir kein Foto hätten zeigen wollen).

Natürlich ist das alles unser Leben. Aber eben immer nur die Hochglanzversion.

Und vielleicht sehen auch dadurch so viele Blogs gleich aus… weil oft nur das gezeigt wird, was genauso gut auch in einem Magazin abgedruckt sein könnte.

Was meinst du?