Welche Verantwortung haben wir als Blogger?

Welche Verantwortung haben wir als Blogger?

zuletzt aktualisiert am 17 Kommentare

Einen Blog zu führen, klingt erstmal nach unglaublich viel Freiheit: niemand schreibt dir vor, was du wann veröffentlichst! Du kannst posten, was du willst, ohne dass du erst einen Buchvertrag ergattern musst oder einen Chefredakteur vor deiner Nase zu sitzen hast.
Heißt das also, dass du (im Rahmen der Gesetze) wirklich tun und lassen kannst, was du willst?

Nope.

Einen Haken – oder ein Häkchen – hat das Ganze nämlich: als Blogger kommt uns eine verdammte Menge Verantwortung zu.

Wieso Bloggen Verantwortung bedeutet

So ein Blog ist ein absolut großartiges Medium: quasi kostenlos und mit einer einfach zu bedienenden Blogsoftware kannst du damit eine riesige Anzahl von Menschen erreichen. Du teilst deine Ansichten hier nicht nur mit zwanzig, dreißig Bekannten, sondern theoretisch mit der gesamten Welt. Stell dir allein mal vor, wie viele Menschen du tagtäglich in der Stadt siehst – und die alle könnten deinen Blog lesen. Wow!

Klar: wie viele Menschen deinen Blog tatsächlich lesen, hängt natürlich vom Bekanntheitsgrad deines Blogs ab. Aber eines haben alle Blogs gemeinsam: du weißt nie, wie viele Menschen deinen Beitrag einmal lesen werden und wer das sein wird. Auch wenn du aktuell vielleicht nur drei, vier Leser am Tag hast – vielleicht sieht das in einem Jahr ganz anders aus und du hast täglich Tausende von Seitenaufrufen. Du kannst nicht vorhersehen, wer deinen Blog beim Googeln oder durch eine Verlinkung vielleicht einmal entdeckt.

Du weißt nie, wie viele Menschen deinen Beitrag einmal lesen werden und wer das sein wird. #bloggen Klick um zu Tweeten

Was du schreibst, wird nicht einfach nur gelesen. Es beeinflusst deine Leser natürlich auch zu einem gewissen Grad und kann Auswirkungen auf ihr Handeln und Tun haben. Und hier wird’s spannend.

Verantwortung gegenüber deinen Lesern

Vor der Anschaffung eines teureren Produkts googelt auch du vermutlich erst einmal nach Bewertungen und Tests. Wenn das Produkt in einem offenkundig fundierten Produkttest verrissen wird – wie wahrscheinlich ist es, dass du es dir trotzdem kaufen wirst? Und ist es dir nicht auch schon einmal passiert, dass du erst durch einen Blogeintrag auf irgendein Produkt aufmerksam geworden bist, was du dir dann ebenfalls zugelegt hast?

Was du in deinem Blog über ein Produkt schreibst, kann also beeinflussen, wofür andere Menschen ihr Geld ausgeben und womit sie ihre Zeit verbringen. Und du möchtest doch nicht irgendetwas wider besseren Wissens in den höchsten Tönen loben, wenn du schon ahnst, dass es deine Leser eigentlich frustrieren und verärgern wird?

Je mehr deine Leser dir vertrauen, desto mehr geben sie auf deine Meinung. Ebenso, wie uns das Urteil einer Freundin wichtiger ist als das irgendeines Fremden auf der Straße.
Missbrauche dieses Vertrauen nicht! Belüge deine Leser nicht – bleib ehrlich. Sonst war es das dann auch bald mit deiner Glaubwürdigkeit… und die ist mit dein wichtigstes Kapital als Blogger.

In diesem Zusammenhang finde ich den Code of Ethics for Bloggers, Social Media and Content Creators übrigens sehr interessant, der in Anlehnung an den norwegischen Pressekodex entstanden ist.

Blogger als Vorbild

Je nachdem, in welcher Sparte du dich mit deinem Blog bewegst, kommt dir außerdem eine gewisse Vorbildfunktion zu.
Ein klassisches Beispiel sind Fashionblogs – oft wird hier eine glitzernde Luxuswelt vorgelebt, die aus Reisen um die ganze Welt zu bestehen scheint, von einem glamourösen Event zum nächsten. Gerade bei jüngeren Lesern entsteht da schnell der Eindruck, dass so ein teurer Lifestyle vollkommen normal ist. Wenn Hunderte von Modebloggern offensichtlich im Wochentakt shoppen gehen und immer neue sündhaft teure Designerartikel in die Kamera halten, dann braucht man das wohl, um “dazuzugehören”?

Melli von Pinkpetzie hat da neulich einen lesenswerten Artikel geschrieben, auf den ich bei der Recherche zu diesem Beitrag gestoßen bin:

Und was ist eigentlich mit unserer Verantwortung als Personen, die jeden Tag hunderte und tausende Leser mit Informationen, Geschichten und Bildern versorgen? […] Müssen wir nicht wenigstens hin und wieder daran erinnern, dass es eben nicht normal ist, ein Dutzend Designer Handtaschen zu Hause zu haben und jedes Jahr gleich mehrmals um die Welt zu fliegen, um an den schönsten Stränden dieser Welt am Tan zu arbeiten?

Wahre Worte.

Verantwortung gegenüber denen, über die du schreibst

Gerade in persönlicheren Blogs, die einen gewissen Tagebuchcharakter haben, werden auch gerne mal Freunde und Familie erwähnt. Ich finde das immer grenzwertig, vor allem, wenn Vornamen ausgeschrieben und Fotos gezeigt werden.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal schreiben würde, aber: selbst facebook bietet letztlich bessere Privatsphäreeinstellungen als ein Blog. Von wenigen geschützten Blogs einmal abgesehen, sind die Dinger halt so öffentlich wie eine Zeitschrift. Hier gibt es kein Freigabekonzept, wer was sehen darf, keine Freundeskreise und Gruppen. Aber anders als bei einer Zeitschrift, die nach ein paar Wochen höchstwahrscheinlich im Papiermüll landet und nie mehr gelesen wird, fördert die Google-Suche zuverlässig auch mehrere Jahre alte Artikel zu Tage.

Daher entscheidest du bei einem solchen Blogeintrag nicht nur für dich selber, ob es in Ordnung ist, bestimmte Dinge öffentlich zu machen – sondern auch für deine Freunde, deine Kinder und so weiter. Die Frage, ob und wie Kinderfotos in einem Blog gepostet werden sollten, wurde ja schon oft diskutiert.
Wie auch immer du dich hier entscheidest – dir muss klar sein, dass du hier Verantwortung für andere Menschen übernimmst. Im Zweifelsfall solltest du also lieber einmal nachfragen, ehe du das letzte Wochenende mit deiner Clique en detail schilderst.

Verantwortung gegenüber anderen Bloggern

Wie das halt so ist: bei fast allem, was wir tun, repräsentieren wir eine bestimmte Gruppe von Menschen – ob wir wollen oder nicht. Wenn ich mit dem Rennrad unterwegs bin, bin ich für Autofahrer “eine von diesen Rennradfahrern”. Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, bin ich umgekehrt für Rennradfahrer “eine von diesen Autofahrern”.

Und ebenso verhält es sich mit dem Bloggen. Auch wenn es mittlerweile wirklich verdammt viele Blogs gibt – die meisten Menschen in meinem Bekanntenkreis führen keines. Hier bin ich dann “eine von diesen Bloggern”.

Es gibt da draußen eine ganze Menge Vorurteile über Blogger (Andrea von andysparkles hat davon zum Beispiel mal eine Liste zusammengetragen) – es liegt an dir, mit jedem einzelnen deiner Beiträge diese Klischees entweder zu bestätigen oder eben zu widerlegen.

Das kommt etwa zum Tragen, wenn es um das Thema Kooperationen geht: es ist zum Mäusemelken, dass auch heute noch so unglaublich viele Agenturen und Unternehmen versuchen, Blogger zu, pardon, verarschen – O-Ton: “Link auf dofollow und nicht als Werbung kennzeichnen, merkt doch eh keiner”.
Wir alle kennen diese Anfragen. Anfragen, die Blogger gegen ein paar Euro dazu verleiten sollen, gegen die deutsche Rechtssprechung zu verstoßen (Stichwort Schleichwerbung) und zu riskieren, von Google abgestraft zu werden. Ganz abgesehen vom Beschiss der Leser, wenn irgendwelche Produkte “zufällig” gekauft wurden und natürlich sooo toll sind, siehe oben.

Würden alle Blogger an einem Strang ziehen und solche unseriösen Kooperationsanfragen konsequent ablehnen, gäbe es sie nicht mehr. Leider lassen sich aber immer noch genügend naive Blogger darauf ein… und das fällt auf alle anderen Blogger zurück.

Oh, und: Verantwortung gegenüber dir selbst

Zu guter Letzt: auch uns selbst gegenüber tragen wir eine gewisse Verantwortung.

Dein Blog ist dein Aushängeschild. Das, was du dort schreibst, prägt das Bild, das andere von dir haben. Dass du dir deswegen gut überlegen solltest, was aus deinem Leben du hier preisgibst und was nicht, ist klar.

Aber was bei der Jagd nach mehr Klicks und mehr Followern nur zu gerne mal untergeht: dein Blog mag ein Teil deines Lebens sein, ein wichtiger Teil. Ja. Aber er ist eben nur ein Teil. Ich habe mich vor einigen Jahren selber dabei ertappt, wie ich irgendwann bei allem, was ich so tat und erlebte, immer im Hinterkopf hatte, wie es sich wohl “verbloggen” ließe. Ausflüge, neu ausprobierte Rezepte, Neuanschaffungen, whatsover. Hauptsache, Tag für Tag ging ein neuer Artikel raus.
Während des Studiums war das okay. Aber ich habe diese Frequenz auch beibehalten, nachdem ich einen Vollzeitjob angenommen habe, das Hundetier in die Familie kam, wir mit unserem Projekt Hausbau begonnen, letztes Jahr mit den Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt waren und, und, und.

Dass das unglaublich anstrengend war, muss ich dir nicht sagen, oder? Und obwohl ich ein bekennender Workaholic bin, habe ich mich da selber so unter Druck gesetzt, dass ich fast die Lust am Bloggen verloren hätte. Es hat sehr gut getan, da einmal entschieden “Stop” zu sagen:

Ich muss nicht vom Bloggen leben, und wenn meine Zugriffszahlen nicht beständig um 10% anwachsen, geht die Welt davon nicht unter. Es ist okay, nicht jeden Tag die Statistiken in Google Analytics zu checken.

Nach wie vor blogge ich verdammt gern und mit jede Menge Herzblut, und wenn ich eure ganzen großartigen Kommentare lese, haut es mich regelmäßig vom Hocker, weil ihr der absolute Wahnsinn seid.
Ja, ich hatte Angst, das auf’s Spiel zu setzen. Die simple Formel „Mehr Posts = mehr Klicks = mehr potentielle Kommentare“ klingt ja sehr einleuchtend, und welchen Blogger deprimiert es nicht, wenn der Kommentarzähler bei 0 stehenbleibt?

Aber siehe da… auch wenn ich seit einigen Monaten nicht mehr fast täglich poste, sondern nur etwa zwei- bis dreimal pro Woche, sind die Statistiken nicht eingebrochen. Ganz im Gegenteil, die einzelnen Artikel werden sogar eher häufiger gelesen als früher (klar, sie gehen halt auch nicht mehr so schnell in der Flut der neuen Beiträge unter). Danke dafür! ?

Den Blog zugunsten des guten alten Real Lifes im Zweifelsfall auch einfach mal Blog sein zu lassen, war eine verdammt gute Entscheidung. In diesem Punkt haben wir alle die Verantwortung für uns selber inne.

Fazit

Uff – so verdammt viel Verantwortung! Sind deine Schultern unter dieser Bürde gerade ein paar Zentimeter nach unten gesackt?

Dann lass es uns andersherum betrachten: diese ganze Verantwortung ist nichts Unangenehmes, sondern eine unglaubliche Chance. Sie ist der Beweis dafür, dass Blogs ein verdammt starkes Medium sind und dass du hier wirklich etwas bewegen kannst. Aufträge, die du nur dank deines Blogs bekommen hast; Freundschaften, die du über das Bloggen geschlossen hast, spannende Diskussionen, die du auf Blogs geführt hast, … hier steckt jede Menge Potential drin. Nutze es, und nutze es klug! 🙂

Wie siehst du das – haben Blogger diese ganze Verantwortung?
Oder kommt es auf die Größe und Sparte eines Blogs an?

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