Wie weit darf Fotobearbeitung gehen?

20. August 2016- aktualisiert: 7. Februar 2020 Foto-Tipps 21 Kommentare

Thomas hat drüben im Reisen-Fotografie-Blog eine verdammt spannende Frage aufgeworfen, die er zum Anlass für eine Blogparade genommen hat: wie weit darf Fotobearbeitung gehen? Wo beginnt die Manipulation, ab wann ist eine Aufnahme nicht mehr authentisch?

Ein Foto ist immer subjektiv.

Ganz grundsätzlich bildet kein Foto die Wirklichkeit ganz und gar unverfälscht ab. Auch ohne Filter oder wegretuschierte Elemente zeigt eine Fotografie immer nur einen Ausschnitt aus der Realität – und zwar genau so, wie ihn der Fotograf im Moment der Aufnahme bewusst oder unbewusst gewählt hat. Der Bildrand verschweigt immer einen gewissen Rest der Geschichte. Genau den, den der Fotograf für unwichtig befunden hat.

Auch die Aufteilung einer Aufnahme bestimmt, wie eine Szenerie wirkt, Stichwort Goldener Schnitt & Co. Überspitzt gesagt: ein Pferd in der Mitte einer Wiese? Langweilige Pampa. Ein Pferd im linken Drittel des Bildes? Was für eine harmonische und idyllische Szene!

Wenn ich ein Bild aufnehme, entscheide ich mich immer für eine bestimmte Perspektive, aus der ich fotografiere. Du hast das vielleicht selber schon einmal ausprobiert, dich für eine Aufnahme auf den Boden zu legen und aus der Froschperspektive nach oben zu fotografieren. Plötzlich sieht alles anders aus – ist aber genauso echt und wirklich wie ein im Stehen aufgenommenes Bild. Was ist authentischer?

Lost Places – Immerath

Besonders deutlich wird es, wenn du mit Offenblende fotografierst und dadurch mit dem Schärfeverlauf spielst. Der Punkt, auf den du fokussierst, wird scharf dargestellt, während der Hintergrund in Unschärfe verschwimmt. Dieser berühmte Bokeh-Effekt – er ist das fotografische Stilmittel schlechthin, um dem Betrachter klarzumachen, auf was du seine Aufmerksamkeit lenken möchtest. Ist das noch die unverfälschte Wirklichkeit, die wir da abbilden?

Auch Schwarz-Weiß wirft diese Frage auf. Im Zeitalter der digitalen Fotografie sind SW-Bilder fast immer das Resultat einer Bildbearbeitung. Spiegeln sie durch so eine bewusste Manipulation der Farben überhaupt noch die Realität wider? Oder ist das jetzt Kunst? – Und wäre der Charakter des Fotos ein anderer, wenn es von vornherein auf einem SW-Film aufgenommen worden wäre?

Sportfotografie – Radrennen in Schwarz-Weiß

Unsere Augen sind außerdem viel anpassungsfähiger als eine Kamera. Stell dir vor, du stehst in einem mäßig hellen Raum und draußen scheint die Sonne. Wenn du jetzt ein Foto machst, sieht entweder die Welt vor dem Fenster “normal” aus, während das Zimmer viel zu dunkel ist, oder umgekehrt – auf dem Foto sind die Möbel ganz normal zu erkennen, aber das Fenster ist nur ein gleißend weißes Rechteck. Welches der beiden Bilder ist “richtiger”?

Strandfotos aus Holland – Zoutelande

Natürlich spielt auch die Leistungsfähigkeit einer Kamera eine Rolle. Ein Beispiel dafür ist etwa die Verzerrung am Bildrand – die ist je nach Objektiv ausgeprägter. Bei Handyaufnahmen sieht man das oft ganz gut, wenn Personen am Bildrand irgendwie seltsam flach und deformiert wirken. Klar, man betrachtet das Bild und korrigiert die Szene im Kopf. Haben wir damit jetzt trotzdem noch die Realität dokumentiert?

Nicht zuletzt erlebt jeder von uns die Wirklichkeit zudem ein bisschen anders und ein Foto ist unweigerlich geprägt davon, wie wir persönlich die Welt wahrnehmen.
Sehr deutlich wird das, wenn man in einer Gruppe unterwegs ist und jeder fotografiert. Einige Aufnahmen werden sich am Ende des Tages ähneln, aber es gibt immer wieder dieses “Boah, wieso habe ich das nicht gesehen?!” oder “Auf deinen Fotos wirkt das ja ganz anders als auf meinen!”.

Es gibt also eine ganze Reihe an Faktoren, wieso eine Fotografie ohnehin nie völlig objektiv sein kann, auch ohne bewusste Bildbearbeitung.

Ein Foto sagt nicht länger die Wahrheit. Es schlägt nur eine Möglichkeit vor.

photokina 2000
Fotoretusche – Stimmung durch Farbtöne

Digitale Fotobearbeitung als Chance

Ich find’s immer wieder unglaublich faszinierend, welche Möglichkeiten sich in der Bildbearbeitung bieten. Und vor allem in der digitalen Bildbearbeitung – klar, Fotoretusche ist beinahe so alt wie die Fotografie selbst. Aber in analogen Zeiten war das furchtbar umständlich und ließ sich halt auch nicht mehr mit [Strg] + [Z] einfach so schnell wieder rückgängig machen.

Photoshop & Co. hingegen laden ja geradezu dazu ein, unendlich viele Varianten auszuloten und herauszufinden, wie man in einem Foto seine ganz eigene Wahrnehmung der Welt weiter herausarbeiten kann.

Bildretusche

Bearbeite ich meine Aufnahmen?

Ja.
Mein typischer Workflow sieht so aus: ich fotografiere im RAW-Format, importiere die Bilder von der Speicherkarte in Lightroom und nehme dort erste Korrekturen vor, danach folgt das Feintuning in Photoshop.

Je nach Motiv nehme ich gerne eine oder mehrere der folgenden Anpassungen vor:

  • Bildausschnitt
  • Justieren der Tiefen und Lichter (zu dunkle Bereiche helle ich gezielt auf, ohne gleich das ganze Foto überzubelichten)
  • Luminanz einzelner Farben – bei Landschaftsaufnahmen dunkle ich zum Beispiel das Blau gerne etwas ab, damit der Himmel kräftiger wirkt
  • Farbtemperatur / Fotofilter
  • Vignettierung ( = leichtes Abdunkeln in den Bildecken)
  • Nachschärfen
  • Herausretuschieren einzelner Elemente (Mülleimer, Pickel & Co.)

Adieu, störende Bildelemente

Ganz besonders liebe ich den Bereichsreperatur-Stempel in Photoshop! 😀

Ein Klassiker: der Beste und ich waren vor einiger Zeit in Ulm und haben uns als gute Touristen natürlich auch das Ulmer Münster angesehen. Während der Beste nur einen kurzen Blick hineinwarf und sich mit einem “Uff, ganz schön voll…” wieder nach draußen begab, blieb ich ein Weilchen länger zum Fotografieren.

Wieder daheim, schauten wir uns irgendwann meine fertige Fotostrecke des Ausflugs an. Auch ein paar Innenaufnahmen aus der Kirche waren dabei… und der Beste runzelte irritiert die Stirn: “Hä? Wo sind denn die ganzen Touristen hin?” Tja… 😀

Ein ähnliches Beispiel: im Juni war ich in Prag und habe natürlich auch ein paar Aufnahmen von der berühmten Karlsbrücke mit ihren Heiligenstatuen gemacht. Da es eigentlich ein Businesstrip war und ich mit Kollegen unterwegs war, hatte ich nicht endlos viel Zeit zum Fotografieren und musste quasi im Vorübergehen auf den Auslöser drücken. Und da standen dann halt dauernd irgendwelche Touristen und posierten vor den Statuen… narf. Also los, Photoshop:

Bildretusche – Karlsbrücke in Prag

Gibt es für mich NoGos bei der Bildbearbeitung?

Portraitaufnahmen retuschiere ich meist nur sehr leicht. Hier achte ich darauf, einfach die Schokoladenseite eines Menschen zu zeigen bzw. zu betonen.

Bei Kleinigkeiten helfe ich der Realität gern mal etwas auf die Sprünge: niemand möchte dank der Hochzeitsbilder sein ganzes Leben lang daran erinnert werden, dass just an dem Tag ein roter Pickel am Hals prangte. Glänzende Hautstellen auf der Nase retuschiere ich ebenso weg wie ein Stückchen Petersilie zwischen den Zähnen. 😉
Ich hatte auch schon mal den Fall, dass ich mehrere Gruppenbilder mit ca. zwanzig Leuten aufgenommen hatte – und irgendjemand hatte immer die Augen zu. Gnah! Da hab ich dann halt beherzt zur digitalen Schere gegriffen und ein Gesicht aus dem einen Foto ausgeschnitten und im anderen eingefügt.

Was für mich allerdings gar nicht in die Tüte kommt, sind Retuschen à la “kannst du mich auf dem Foto bitte dünner machen?”, weil dieses ganze Body Shaming etwas ist, was ich nicht noch weiter unterstützen möchte.

Die Grenze liegt für mich in der Frage, “Hätte es heute so gewesen sein können?”.

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In Sachen störender Bildelemente bin ich da nicht so zimperlich. 😀
Mir geht es in der Regel mehr darum, ein ansprechendes, “schönes” Bild zu kreieren, als die schnöde Realität 1:1 abzubilden.
Ja, mag sein, dass gleich neben dem barocken Schlossportal ein Mülleimer steht. Gleich nicht mehr. 😉 Und dass die Farben in Wirklichkeit vielleicht nicht ganz so bonbonmäßig waren – wen interessiert’s, wenn sie die Atmosphäre des Fotos doch so viel besser unterstreichen?

Hier mal ein Beispiel aus Köln. Vom Eingang eines Messegebäudes aus habe ich den Blick über die Hohenzollernbrücke zum Kölner Dom hin aufgenommen. Im Original ist das ein relativ belangloses Bild, aber ich wusste, dass sich aus der Perspektive und dem Licht in den Wolken mehr machen lässt… ta-daa:

Bildretusche: Kölner Dom

Wie siehst du das?

Bearbeitest du deine Fotos nach? Welche Korrekturen nimmst du gerne vor? Gibt es dabei für dich Grenzen?

Noch bis zum 28. August läuft die Blogparade von Thomas – hier findest du alle Infos sowie die Beiträge der anderen Teilnehmer. 🙂

Zu diesen Themen gibt’s noch mehr Artikel:

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