Das Gedankenkarussell bei MS

5. Juli 2019- aktualisiert: 30. November 2020 Leben2.5 min read 0 Kommentare

Eine der fiesen Seiten an der MS ist, dass sie nicht eindeutig ist. Bei einem Beinbruch kann man klar erkennen, was los ist. Bei den vielfältigen Symptomen der Multiplen Sklerose nicht unbedingt.

Ich verhaspele mich häufig mitten im Satz – baue schiefe Sätze, füge Wörter zu abenteuerlichen Konstruktionen zusammen. Früher habe ich schulterzuckend gedacht, dass meine Gedanken halt einfach schneller sind als meine Zunge. Heute ist es mir peinlich, ist da immer die Sorge, dass es von der MS kommt und meine grauen Zellen nicht etwa auf Hochtouren laufen, sondern auf Abwegen-
(Dass der Beste mich sehr genau auf etwaige Symptome hin beobachtet, macht den Druck nicht weniger-)

Ich bin oft von jetzt auf gleich hundemüde. Eine Energielosigkeit, bei der es schon ein Kraftakt ist, nur die Augen offen zu halten. Fatigue?!, pocht es in meinem Kopf. Ich sträube mich dagegen. Nicht das!
Und dann sagt der Beste salopp, dass er müde ist und sich nachmittags mal ein Stündchen aufs Ohr haut – und der ist kerngesund. Also alles normal?

An manchen Tagen komme ich körperlich nicht aus dem Quark. Sind meine Bewegungen langsamer, die Beine schwer, ist weniger Kraft da und es hapert mit der Kondition und Koordination (hallo blaue Flecken!). Wieder die Frage… MS? Oder bin ich da halt einfach normal k.o.?

Muskelschmerzen / dauernde Verspannungen, taube Stellen, hyperempfindliche Stellen, und so weiter… alles kann, nix muss.

Es bringt nichts, mir den Kopf darüber zu zerbrechen. Davon wird nichts besser. Alle paar Monate gehe ich zum MRT und das reicht mir eigentlich als Check, ob alles soweit okay ist oder nicht.
Ich kann verdammt froh sein, dass meine MS so glimpflich verläuft, dass sie mir seit beinahe zwei Jahren keinen eindeutigen Schub vor den Latz geknallt hat.

Gleichzeitig ist da permanent die Frage im Hinterkopf, ob ich mehr auf meinen Körper hören und Warnsignale beachten sollte (also genau das, was ich bei meinem letzten Schub nicht getan habe) oder ob ich mich nur anstelle. Ich weiß es wirklich nicht. Der Grat zwischen Verdrängung und Überreaktion ist verdammt schmal.

Morgens ist es in den letzten Tagen herbstlich und allein schon weil es Herbst war, als ich 2017 ins Krankenhaus kam und die Diagnose gestellt wurde, kommt vieles wieder hoch. Ich muss außerdem den nächsten MRT-Termin vereinbaren und schiebe es noch vor mir her-

Die MS nimmt in meinem Kopf derzeit viel mehr Raum ein, als ich ihr zugestehen will. Das Gedankenkarussell dreht sich.

Nach beinahe zwei Jahres des Ganz-weit-weg-Schiebens frage ich mich, ob die MS nolens volens doch Teil meiner Identität, meines Selbstbilds geworden ist? Angesichts der Diagnose einer unheilbaren chronischen Autoimmunerkrankung ist das einerseits nicht ganz abwegig. Gleichzeitig fühlt es sich übertrieben an. Ich bin doch schubfrei, lebe meinen Alltag wie vorher auch. Klar, über mir hängt dieses Damoklesschwert, dass irgendwann vielleicht doch wieder ein Schub kommt. Aber davon abgesehen hat sich doch nichts geändert. No Drama Llama, please.

Zu diesen Themen gibt’s noch mehr Artikel:

Das Gedankenkarussell bei MS

5. Juli 2019- aktualisiert: 30. November 2020 Leben 0 Kommentare

Eine der fiesen Seiten an der MS ist, dass sie nicht eindeutig ist. Bei einem Beinbruch kann man klar erkennen, was los ist. Bei den vielfältigen Symptomen der Multiplen Sklerose nicht unbedingt.

Ich verhaspele mich häufig mitten im Satz – baue schiefe Sätze, füge Wörter zu abenteuerlichen Konstruktionen zusammen. Früher habe ich schulterzuckend gedacht, dass meine Gedanken halt einfach schneller sind als meine Zunge. Heute ist es mir peinlich, ist da immer die Sorge, dass es von der MS kommt und meine grauen Zellen nicht etwa auf Hochtouren laufen, sondern auf Abwegen-
(Dass der Beste mich sehr genau auf etwaige Symptome hin beobachtet, macht den Druck nicht weniger-)

Ich bin oft von jetzt auf gleich hundemüde. Eine Energielosigkeit, bei der es schon ein Kraftakt ist, nur die Augen offen zu halten. Fatigue?!, pocht es in meinem Kopf. Ich sträube mich dagegen. Nicht das!
Und dann sagt der Beste salopp, dass er müde ist und sich nachmittags mal ein Stündchen aufs Ohr haut – und der ist kerngesund. Also alles normal?

An manchen Tagen komme ich körperlich nicht aus dem Quark. Sind meine Bewegungen langsamer, die Beine schwer, ist weniger Kraft da und es hapert mit der Kondition und Koordination (hallo blaue Flecken!). Wieder die Frage… MS? Oder bin ich da halt einfach normal k.o.?

Muskelschmerzen / dauernde Verspannungen, taube Stellen, hyperempfindliche Stellen, und so weiter… alles kann, nix muss.

Es bringt nichts, mir den Kopf darüber zu zerbrechen. Davon wird nichts besser. Alle paar Monate gehe ich zum MRT und das reicht mir eigentlich als Check, ob alles soweit okay ist oder nicht.
Ich kann verdammt froh sein, dass meine MS so glimpflich verläuft, dass sie mir seit beinahe zwei Jahren keinen eindeutigen Schub vor den Latz geknallt hat.

Gleichzeitig ist da permanent die Frage im Hinterkopf, ob ich mehr auf meinen Körper hören und Warnsignale beachten sollte (also genau das, was ich bei meinem letzten Schub nicht getan habe) oder ob ich mich nur anstelle. Ich weiß es wirklich nicht. Der Grat zwischen Verdrängung und Überreaktion ist verdammt schmal.

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