Stadtkind oder Landei?

Nebelmorgen auf dem Land

Dorf oder Stadt? – Zu dieser Frage hat Ilona dieser Tage eine Blogparade ins Leben gerufen:

Es scheint, dass so ziemlich jeder eine Meinung zum Thema „Stadt vs. Land“ hat. Es gibt die, die gerne auf dem Land leben – oder leben würden. Es gibt die, die Kleinstädte bevorzugen. Es gibt die Großstadt-Fans, die zwar der Lärm immer wieder mal nervt, die aber die vielen Möglichkeiten für kein Geld der Welt eintauschen würden. Und dann gibt es die, die derzeit das eine vorziehen, sich das andere aber durchaus vorstellen können.

Ich bin auf dem Land aufgewachsen…

In einem kleinen Dorf, das auf knapp 50 Einwohner kommt, wenn man das ein oder andere Pferd mitzählt. Hinter meinem Elternhaus lag eine Schafsweide und davor ein großer Acker, auf dem mal Kühe weideten, mal Mais angepflanzt wurde. Zur Irritation sämtlicher Besucher gibt es in diesem Örtchen nicht einmal Straßennamen, sondern die Häuser sind einfach durchnummeriert. 😉

Als Kinder spielten wir viel draußen – wir kletterten im Wald rum, erkundeten Scheunen und Steinbrüche, so gut wie jeder konnte reiten (mehr die Zottelpony-Variante, kein elitäres Dressurreiten), im Winter prettelten wir mit unseren Schlitten die verschneiten Weiden runter. Mit meinem damaligen Hund bin ich viel durch die Wälder und Felder gestromert und dabei war es ziemlich normal, bei einem zweistündigen Marsch keine Menschenseele zu treffen.

Klingt rückblickend betrachtet viel kitschiger und idyllischer, als es mir damals vorkam. 😉

Ausreiten mit Cindy (2008)
Eine typische Freizeitbeschäftigung auf dem Land

Landleben heißt allerdings auch: ohne Auto ist man aufgeschmissen. Der nächste Supermarkt liegt von meinem Heimatdorf rund 5 hügelige Kilometer entfernt, im Dorf selber fährt nur ein Schulbus für die Handvoll Grundschüler, die wir in meiner Kindheit waren. Auch die nächste Linienbushaltestelle ist 5km entfernt, und natürlich fuhr der damals nur zweimal in der Stunde (wohl auch heute vermutlich nicht öfter). Nach der Schule hieß das also immer noch fast eine halbe Stunde auf den Bus warten. Für eine Freistunde mal eben nach Hause fahren, lohnte sich nicht.

Meine Klassenkameraden wohnten alle in anderen Dörfern, sodass wir uns nachmittags nicht mal eben spontan treffen konnte, sondern als Kinder immer auf irgendeinen Elternteil mit Auto angewiesen waren. Dass mit 18 jeder den Führerschein machte, war normal und quasi lebenswichtig 😉 und fortan gurkte man dann halt selber ewig durch die Pampa.

(Übrigens finde ich es nach wie vor furchtbar, durch größere Städte fahren zu müssen. Mehrspurige Straßen, kreuz und quer fahrende Radfahrer, Straßenbahnen, Fußgänger, wtf… dafür kenne ich diverse Stadtkinder, die Panik bekommen, wenn auf der Landstraße vor ihnen halt gerade eine Kuhherde die Straße überquert. 😀 )

Überhaupt war es ziemlich normal, für alles und jeden lange Fahrtzeiten in Kauf zu nehmen. Vielleicht komme ich jetzt deswegen ganz gut mit dem Pendeln zurecht, weil ich es einfach nicht anders kenne und sehr irritiert bin, wenn jemandem alles über einer Viertelstunde Entfernung schon zu weit zur Arbeit ist.

Internet kam bei uns übrigens erst sehr spät auf, und dann natürlich jahrelang nur als 56kBit-Leitung.
Der Klassiker: „Mensch Anne, geh endlich mal offline, ich muss telefonieren!“ 😀

… dann bin ich in die Stadt gezogen…

Tja. Zum Studium zog ich aus, nach Köln.

Ich fand es großartig, samstagabends einfach so kurzentschlossen zu Fuß zum Supermarkt gehen und einkaufen zu können. Ein völlig neues Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, damals machten die meisten Läden auf dem Land halt schon Samstagmittag zu und die Bürgersteige wurden prompt hochgeklappt. 😉

Ich brauchte plötzlich kein Auto mehr, konnte zur Fuß zur Straßenbahn laufen, zur Uni fahren, in die Stadtmitte. Es war immer was los – dass man sich so gegen zehn Uhr abends für’s Weggehen dann so allmählich mal fertigmacht, war schon ein krasser Unterschied zu früher, wo um kurz nach Mitternacht der letzte Bus zurück fuhr und man dementsprechend gut damit beraten war, zeitiger anzufangen… 😉

Nach einem Jahr in Köln wohnte ich dann ein Jahr lang in einer kleineren Stadt in einer WG. Das war schon deutlich ländlicher als Köln, aber trotzdem halt eine Stadt.
Wiederum ein Jahr später zog ich nach zum Besten nach Leverkusen, und hier wohne ich tatsächlich schon seit 2009. Urgh.

… und jetzt wohnen wir bald wieder auf dem Land.

Bekanntlich haben wir ja ein Grundstück auf dem Land gekauft, ziehen zurück in meine alte Heimat.

Unser Grundstück - Juni 2015
Das rechts hinter dem Ortsschild ist unser Grundstück

Ich zähle wirklich die Tage, bis wir hier aus der Stadt weg sind.
Mich nervt vor allem der Lärm. Obwohl wir direkt am Waldrand wohnen – es ist halt nur ein winziges Wäldchen, und dahinter liegt eine vielbefahrene vierspurige Straße. Am Ende unserer Straße rauschen alle paar Minuten Güterzüge vorbei, morgens ab vier Uhr dröhnen die LKW zur Anlieferung für die Krankenhausküche an unserem Schlafzimmerfenster vorbei, und selbst nachts, wenn eigentlich alles still sein sollte, hört man die Autobahn.

Obwohl man hier nie für sich ist und ständig Leute um einen herum sind, ist es doch sehr anonym. Unsere Hausgemeinschaft ist super und durch die Hundespaziergänge kenne ich halt auch ein gutes Dutzend anderer Hundebesitzer, die ich regelmäßig treffe, aber wie die Leute im Haus nebendran heißen…? Das ist im Dorf schon anders.

Und die Freizeitgestaltung? Klar, mit Weggehen ist auf dem Land nicht viel los. Immerhin hat der Italiener im nächstgrößeren Ort ein paar Cocktails auf seiner Karte zu stehen.
Ehrlicherweise muss man sagen, dass wir da mittlerweile eh ruhiger geworden sind. Nach einer stressigen Arbeitswoche finde ich die Aussicht auf einem Couchabend mit Film und Pizza deutlich attraktiver als mich gleich wieder irgendwo ins Getümmel zu stürzen. Und die Wochenenden verbringe ich auch lieber beim Sport an der frischen Luft, mit Gartenarbeit oder einem Fotostreifzug durch die Natur, als freiwillig shoppen zu gehen.
Wunderbare Leseempfehlung an dieser Stelle: „Are we boring?“, ein Blogpost von einem meiner Kollegen aus den USA.

Ich bin also eindeutig ein Landei. 🙂

Trotzdem arbeite ich in einer Großstadt.

Ich habe nicht nur in Köln studiert, ich arbeite seit über drei Jahren auch dort. Mitten drin, fußläufig zum Hauptbahnhof. Dass das nicht gerade die idyllischste und ruhigste Ecke ist, wissen wir nicht erst seit Silvester. *ahem*

Es ist laut, es ist stressig. Es gibt definitiv Besseres, als nach einem anstrengende Tag aus der Firma zu kommen und zu wissen, dass noch eine Stunde Heimweg vor einem liegt. Wahlweise in meistens verspäteten, überfüllten Zügen oder im Stau auf der Autobahn. Weil ich beim Warten auf die Bahn wenigstens lesen kann, nehme ich so gut wie immer die Öffentlichen.

Und warum arbeite ich in der Stadt? Weil es dort gerade in der IT-Branche einfach die spannenderen Jobs gibt. In der Hinsicht stimmt das Stadt-Land-Klischee dann halt doch.
Nichtsdestotrotz würde ich für den Job nie wieder in eine Stadt ziehen wollen, sondern nehme dann halt lieber eine längere Fahrt in Kauf.

Hat sich meine Einstellung zum Stadt- bzw. Landleben im Laufe meines Lebens geändert?

Ja, ganz klar.

Ich mochte es eigentlich immer, auf dem Land zu leben.
Aber früher wollte ich immer ein Extrem – entweder so weit in der Pampa, dass wirklich überhaupt keine anderen Menschen mehr in der Umgebung wohnen, quasi als Selbstversorger – oder eben mitten in einer Großstadt. So ein größeres Dorf wie das, in dem ich zur Schule gegangen bin, mit seinen rund 5.000 Einwohnern fand ich ganz furchtbar. Nichts Halbes und nichts Ganzes!

Genau das hat sich in den letzten Jahren deutlich geändert. Mittlerweile schätze ich es sehr, nicht ganz so weit ab vom Schuss zu wohnen. In der Stadt zu wohnen, ist definitiv nichts für mich, aber es ist schon nett, mit dem Fahrrad einkaufen fahren zu können und ein paar nette Nachbarn zu haben.

Von unserem Grundstück aus sind es 3 Kilometer bis in besagtes größeres Dorf, das geht. Und trotzdem wohnen wir dann direkt am Feldrand, ist man in wenigen Minuten im Wald (und zwar in einem richtigen 😉 ). „Unser“ neues Dorf hat übrigens um die 120 Einwohner.

Linktipp: DorfStattStadt

Durch Zufall bin ich neulich auf eine witzige Seite gestoßen: DorfStattStadt
Insbesondere die Sammlung der „Dorfkindmomente“, die es übrigens auch auf Instagram gibt, ist herrlich und so passend. 😀

Und du?

Wie sieht es mit dir aus? Bist du ein Stadtkind oder ein Landkind? – Verrate es hier in einem Kommentar oder nimm an Ilonas Blogparade teil, die läuft nämlich noch bis zum 20. Januar. 🙂

Anne Schwarz | Bloggerin auf vom Landleben

Anne Schwarz

Hey, ich bin Anne - Multipassionate, waschechtes Dorfkind, Pferdemädchen, Bloggerin aus Leidenschaft und liebend gern im Garten.

Hier teile ich mit dir meine Tipps und Erfahrungen rund ums nachhaltige Gärtnern und zeige dir, wie auch du dein eigenes Obst und Gemüse anbauen kannst!

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