Unsere H├╝hner - Lilly

Adieu, Lilly.

Es kann so verdammt schnell gehen.

Als ich Mittwochfr├╝h die H├╝hnerklappe ├Âffnete und die vier M├Ądels nacheinander nach drau├čen marschierten – Lilly wie immer als letzte – ahnte ich nicht, dass ich zum letzten Mal beobachte, wie die kleine Henne einfach keck nach unten flatterte, statt die H├╝hnerleiter zu benutzen. Dass sie nur noch anderthalb Tage leben w├╝rde-

Lilly fra├č normal. Sie spazierte den ganzen Tag ├╝ber normal durch den Auslauf. Pickte hier einen Grashalm, scharrte da nach einem Leckerbissen.

W├Ąhrend ich nachmittags ausmistete, sa├č sie im Legenest. Ich dachte mir nichts dabei – das machen all meine M├Ądels zwischendurch mal, auch wenn sie nicht legen.

Abends gegen halb sieben ging ich nach dem letzten Meeting nochmal nach drau├čen, um nach den H├╝hnern zu sehen. Alle vier waren im Auslauf unterwegs und schauten mich erwartungsvoll an, ob ich vielleicht irgendetwas zu essen dabei h├Ątte.
Da fiel mir auf, dass Lilly etwas Dunkles am Bein h├Ąngen hatte: Blut. Und am Bauch war noch mehr davon. Das sah nach einer richtig ├╝blen Wunde aus, aus der etwas Walnussgro├čes herausschaute.

Im Auslauf war sonst kein Blut zu sehen, sie hatte sich also anscheinend nicht an irgendetwas verletzt. Allerdings war das Stroh im Legenest mit Blut gesprenkelt.

Ich alarmierte den Besten und wir bastelten in aller Windeseile einen Karton mit Luftl├Âchern zusammen, in den wir die Kleine setzten. Zum Gl├╝ck hatte der Tierarzt noch offen – ich meldete uns telefonisch an und wir fuhren hin, so schnell wir konnten.

Beim Tierarzt

Dort angekommen, waren wir nat├╝rlich nicht die einzigen. In Zeiten von Corona ist der Parkplatz das neue Wartezimmer.

Eine Tierarzthelferin nahm Lilly in ihrem Karton entgegen und ging erstmal alleine mit ihr rein, damit die Ärztin ganz schnell zwischendurch checken konnte, ob es sich um einen lebensbedrohlichen Notfall handelte oder nicht. Glücklicherweise kennt man sich in dieser Praxis gut mit Hühnern aus, sie wurde uns auch vom Tierschutzhof empfohlen.

„Halb so schlimm“, meinte die Dame ein paar Minuten sp├Ąter und ├╝berreichte mir wieder Lilly mitsamt Karton. Es sei ein aufgeplatzter Tumor und wir k├Ąmen demn├Ąchst dran.

Urgh, ein Tumor?! :/ Wir hatten ja sehr gehofft, dass es vielleicht einfach ein „verklemmtes Ei“ oder so etwas w├Ąre. Ein Tumor klang ├╝bel und so ganz und gar nicht nach „halb so schlimm“.

Wir mussten nicht lange warten. Diesmal konnte ich mit ins Behandlungszimmer gehen. Lilly wurde hochgehoben und die Tier├Ąrztin punktierte den Tumor, um sicherzugehen. Lilly schrie bei dem Pieks so j├Ąmmerlich auf, dass es mir schier das Herz zerriss-

Die Blutuntersuchung best├Ątigte, dass es sich um ver├Ąnderte Zellen handelte. Das k├Ânne man aber operieren und den Tumor entfernen. H├╝hner seien robust und Lilly ja auch noch jung. Puh!

Freitagnachmittag – also am ├╝bern├Ąchsten Tag – sollte sie operiert werden.

Die Kleine wurde noch gewogen (1,2 kg) und ich bekam ein Antibiotikum ausgeh├Ąndigt.

Das G├Ąste-WC wird zum H├╝hnerhospital

Was auch immer sich die Evolution dabei gedacht hat – H├╝hner picken gnadenlos auf ihresgleichen ein, wenn diese eine blutende Wunde haben. Deswegen musste Lilly von ihren Freundinnen separiert werden, auch nach der OP noch f├╝r etwa eine Woche.

Unser Stall hat zwar viele Features, ein G├Ąstezimmer geh├Ârt aber nicht dazu. Daher r├Ąumten wir kurzentschlossen unser G├Ąste-WC leer: Teppich raus, Klob├╝rste, Stehrumchen, Handt├╝cher… einfach alles.
Den Boden legten wir mit Karton aus, damit Lilly nicht auf den kalten Fliesen sitzen w├╝rde, und streuten dar├╝ber dick Einstreu aus.

Unsere H├╝hner - Lilly

Zum Gl├╝ck haben wir zwei Legenester und zwei Wassertr├Ąnken. K├Ârner in einer Schale dazu und frisch gepfl├╝ckte Bl├Ątter und Gras von drau├čen… die Kleine sollte sich nicht wie im Gef├Ąngnis f├╝hlen.

Als Lilly auf das Waschbecken flatterte, war klar: hier wollte sie gerne erh├Âht schlafen. Also polsterten wir auch das Waschbecken mit einem Tuch und Einstreu aus.

Lilly war ziemlich aufgeregt und pickte an ihrer Wunde, aus der deswegen immer wieder etwas Blut tropfte. Da es mittlerweile schon Schlafenszeit war f├╝r die H├╝hner, hofften wir, dass auch Lilly einfach zur Ruhe kommen und ├╝ber Nacht nicht mehr picken w├╝rde, damit sich die Wunde verschlie├čen konnte.

Nach einer f├╝r uns recht schlaflosen Nacht schauten wir am n├Ąchsten Morgen in aller Fr├╝h um kurz nach 4 Uhr nach Lilly: sie sa├č noch im Waschbecken und schaute uns recht munter an. An der Wunde hatte sich eine Art Propf aus Blut gebildet und im Waschbecken war auch Blut – irgh. Aber es blutete jetzt nicht mehr.

Ich schaute regelm├Ą├čig bei ihr rein, mistete aus und wischte das inzwischen getrockente Blut weg, damit wir sehen w├╝rden, wenn neues dazu k├Ąme. Das passierte zum Gl├╝ck nicht und wir waren extrem erleichtert.

Allerdings schien sie nicht fressen zu wollen – weder die mit dem Antibiotika getr├Ąnkten Brotw├╝rfelchen, noch die Nudeln, die ich ihr brachte. Dabei sind Nudeln normalerweise der Renner schlechthin.

Unsere H├╝hner - Lilly

Lilly spazierte im Bad herum und wirkte etwas ruhiger als sonst – aber klar, dachte ich mir, sie hat sicherlich Schmerzen und vor allem Stress. Andere Umgebung, alleine ohne ihre H├╝hnerfreundinnen, die Fahrt zum Tierarzt, … arme Lilly. Anders als ein Hund oder eine Katze haben H├╝hner meist allerdings nicht so eine Bindung an den Menschen. Gerade Lilly war immer sehr scheu und lie├č sich nicht einfach anfassen. Sie einfach zur Beruhigung streicheln ging jetzt also leider nicht.

Nachmittags fiel mir auf, dass ihr kleiner roter Kamm auf einmal blasser war als normal und auch etwas schlaff wirkte. Lilly wirkte fast schon apathisch. Nicht gut, dachte ich mir, und wollte den Tierarzt anrufen und nachfragen. Vielleicht k├Ânnte ich ihr ja irgendetwas zum Aufp├Ąppeln in den Schnabel spritzen oder so.

Noch einmal Flattern-

Nur ein paar Minuten sp├Ąter, wir waren gerade im Wohnzimmer, h├Ârten wir auf einmal hektisches Geflatter aus dem G├Ąstebad. Wir rasten r├╝ber – und fanden Lilly unterm Waschbecken liegen, ohne Puls. „Sie ist tot“, murmelte der Beste-

Ich wollte es nicht wahrhaben. Hoffte so sehr, dass sie gleich einfach blinzeln w├╝rde-

[…]

Wir hielten sie beide noch lange im Arm, streichelten sie.

Das kam so verflucht pl├Âtzlich und unerwartet.

Anscheinend hatte sie doch zu viel Blut verloren.

Warum, verdammt nochmal, hatten wir nicht darauf bestanden, dass sie direkt am n├Ąchsten Tag operiert wird? Dann h├Ątte sie vielleicht noch eine Chance gehabt. ­čÖü

Wir legten Lilly in eine kleine Kiste und hofften dabei beide, dass das alles nur ein Irrtum war und sie gleich wieder flattern w├╝rde-

Mit der Kiste gingen wir zu den anderen H├╝hnern. Wir wollten ihnen ihre tote Freundin noch einmal zeigen – vielleicht w├╝rden sie das verstehen. Als damals unser Kater eingeschl├Ąfert wurde, durfte Nala danach nochmal zu ihm. Ich glaube, sie hat dadurch irgendwie verstanden, warum er nicht mehr da war.
Insbesondere Eule war vorher den ganzen Tag suchend umhergelaufen und hatte sich fragend umgeschaut, wo denn blo├č Lilly sei.

Die H├╝hner interessierten sich aber absolut nicht f├╝r ihre tote Gef├Ąhrtin. Naja, einen Versuch war’s wert.

Sp├Ąter am Abend begruben wir Lilly im Garten. ­čś×

Wir machen uns unglaubliche Vorw├╝rfe. Auch wenn ich wei├č, dass ich nichts f├╝r den Tumor kann und er so oder so aufgeplatzt w├Ąre… Lilly war gerade einmal drei Wochen in meiner Obhut und schon ist sie tot. ­čśó

Es ist verr├╝ckt – Lilly war nicht einmal einen Monat lang Teil unseres Lebens. Anders als Nala und Juli lie├č sie sich auch nicht streicheln, verbrachte nicht den ganzen Tag an unserer Seite. Und trotzdem ist sie uns in dieser kurzen Zeit unglaublich ans Herz gewachsen.

Wie sie quietschte, statt zu gackern wie die gro├čen H├╝hner. Wie sie ├Âfters etwas planlos und verzweifelt durch den Volierendraht zu den anderen H├╝hnern guckte und nicht kapierte, dass sich die T├╝r├Âffnung einen halben Meter neben ihr befand. Wie sie beim F├╝ttern die anderen drei M├Ądels vorgehen lie├č und sich dann, w├Ąhrend die gerade den Schnabel voll hatten, die besten Leckerbissen stibitzte.

Unsere H├╝hner - Lilly

„Der Tod geh├Ârt zum Leben.“ – „Wenigstens musste sie nicht lange leiden.“ – „Vorher hatte sie es wenigstens gut.“ – Der Verstand kennt all diese Phrasen, trotzdem schreit das Herz. ­čÖü

Mach’s gut, kleine Lilly.
Wir hatten dich sehr lieb.

Unsere H├╝hner - Lilly

8 Kommentare

  1. Liebe Anne,
    es ber├╝hrt mich sehr, wie Du hier Euer Bem├╝hen um die kleine Henne und schlie├člich ihren Tod schilderst. Ich finde es gro├čartig, wie Ihr Beide von Anbeginn mit dem „Schreckensbild“ umgegangen seid. So viel Verantwortung, daraus resultierendes Handeln und Tierliebe w├╝rde ich mir ├╝berall w├╝nschen!!!
    Ich wei├č nur zu gut, wie sehr es schmerzt, wenn ein Lebewesen, das man ins Herz geschlossen hat, und f├╝r das man sich verantwortlich f├╝hlt, stirbt. Es trifft einen direkt ins Herz, und das tut bekanntlich richtig weh!
    Ihr werdet Eure kleine Lilly nie vergessen.

    Und ich bin mir jetzt auch ziemlich sicher, Eure Hennen werden auch nicht den Weg ├╝ber den Kochtopf in Euren Magen finden. Bei uns durften unsere Hennen, denen wir auch alle Namen gegeben hatten, als Ihre Legezeit vom Alter her beendet war, im „Ruhestand“ ein fr├Âhlich gackelndes „H├╝hneroma-Leben“ weiter f├╝hren.

    Ich w├╝nsche Euch und Eurer Umwelt, dass Ihr diese Einstellung zu allem was lebt, beibehaltet und dass Ihr mit den 3 anderen H├╝hnern eine lange sch├Âne Zeit miteinander haben werdet. F├╝hlt Euch einach mal so – gedr├╝ckt!

    Alles Liebe

    Heidi

    • Anne sagt:

      Hallo Heidi,

      vielen Dank f├╝r deine lieben Worte!

      Im Kochtopf landen werden unsere M├Ądels auf gar keinen Fall! Lotte legt ja beispielsweise keine Eier und trotzdem darf sie nat├╝rlich in Ruhe alt werden. Sie sind f├╝r uns Familienmitglieder und die isst man nicht.

      Liebe Gr├╝├če
      Anne

  2. Paleica sagt:

    das ist so traurig und tut mir wirklich total leid f├╝r euch ­čÖü aber auch wenns schwer ist: versuch dir keine vorw├╝rfe zu machen. du hast nach bestem wissen und gewissen gehandelt, auch wenn das ein schwacher trost ist ­čÖü

  3. Steffi sagt:

    Oh nein, das tut mir so unendlich leid. ­čÖü
    Es ist ganz bestimmt nicht eure Schuld. Ich wei├č, man macht sich trotzdem Sorgen und Vorw├╝rfe. Sie hatte aber gro├čartige Wochen bei euch. Ihr seid tolle H├╝hner-Eltern! <3
    F├╝hl dich gedr├╝ckt!

  4. Aki sagt:

    Ach ihr Zwei, das tut mir leid.
    Ich wei├č, das sagt sich jetzt leicht – aber macht euch nicht so lang so viele Vorw├╝rfe. Ihr konntet nichts daf├╝r und habt das gemacht, was ihr f├╝r das Beste gehalten habt. Es ist nicht eure Schuld.

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